Ich saß an einem kleinen Tisch in einem Wiener Kaffeehaus und studierte in einer deutschen Tageszeitung die Ergebnisse englischer Pferderennen vom Wochenende, als in einem Gespräch am Nebentisch der Satz fiel: das Orchester der Berliner Philharmonie spiele heute ein Stück eines deutschen Komponisten zum Gedenken der Gefallenen der napoleonischen Befreiungskriege. Wer regiert in diesem Satz? Das Orchester, oder doch ein nicht genannter, wiewohl hinter allem anwesender Dirigent? Napoleon? Ich kenne jemanden, der behauptet, alles in diesem Satz – das Orchester, die Stadt Berlin, die Gefallenen und selbst Napoleon – sei dem Spielen unterworfen.
Später wird der Mann am Nebentisch von einem Freund erzählen, der gerne, wenn er ein paar Gläschen getrunken hat, ein Lied aus dem spanischen Bürgerkrieg singe. Auch hier gilt: der ganze spanische Bürgerkrieg betritt nur deshalb ein Wiener Kaffeehaus, weil er gesungen wird, selbst der Freund ist nur deshalb ins Leben gerufen worden, weil das Lied, an dieser Stelle im Satz angekommen, sich jemanden aus der Summe möglicher, singender Elemente aussuchen muss, der oder das es singt.
Schreiben wir hin: Ein Musiker der Berliner Philharmonie spielt auf seiner Geige, so steht nicht die Geige am Beginn dieser Welt, die Geige stammt vom Spiel der Geige ab, und der Musiker hängt an der Geige dran wie in dem Märchen der Hans im Glück an der Gans.
Die Verben singen, spielen, schnattern ... wie Vögel, die in der Luft kreisen und noch keine Erde unter sich haben.
Ein Vogel erinnert sich an den Geschmack der Kirsche, und die Kirsche erinnert sich an den Zweig, an dem er hing, und der Zweig an den Baum und der Baum an die Erde, und so entsteht, mit einem Vogel, der sich an einem Nachmittag mit mehreren Kirschen verabredet, erst der Garten voller Kirschbäume.
Die Tätigkeit regiert über die Dinge, und die Dinge werden von den Verben aufgerufen, Namen wie Pferde, denke ich, die Zeitung weglegend, Namen wie Pferde, die man dauernd wechselt, weil jedes nur kurz durchhält und erschöpft unter der Stimme zusammenbricht.
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aus:
Texträtsel Musik
[Konzept und Leitung: Wolfgang Schlüter]